Gespielt: Hylics

Game 2015-08-07 15-20-15-52

Wo ich diesen Text schreibe, nähert sich die Temperatur in meinem Zimmer der 30° Marke. Ich habe die letzten Tage furchtbar geschlafen, hauptsächlich weil mein Verstand mir permanent versucht einzureden, dass nichts was ich tue einen Sinn ergibt und mit 31 Jahren bereits feststeht, dass mein Leben auf der Müllhalde der Geschichte landen wird.

Es scheint irgendwie passend zu sein, dass ausgerechnet an einem Tag wie diesen, wo die Welt selbst aus lauter Schmerzen bestehen zu scheint, Hylics von Mason Lindroth erscheint. Hylics ist ein kurzes, abstrakt/surrealistisches JRPG mit einer Ästhetik die irgendwo zwischen Glitchart und Claymation liegt. Wenig in diesem Spiel ergibt einen Sinn und ich muss zugeben, dass ich noch immer nicht genau verstehe, was ich dort getan habe.

Das Spiel dreht sich um die Erlebnisse von Wayne, einem humanoiden Wesen, dessen Kopf etwas von einem Halbmond hat, vielleicht sogar von einem stilisierten Stier. Die Köpfe in diesem Spiel sind ohnehin etwas Besonderes, denn „normale“ Köpfe gibt es hier nicht. Stattdessen sehen wir Tentakel, Gliedmaßen, Scheren, noch mehr Tentakel und etwas was vielleicht einem Tannenzapfen ähnelt.

Game 2015-08-07 14-45-58-08

Wie dem auch sei, wir starten in Waynes Haus. Dort können wir Fernsehen schauen, wodurch wir eine neue Fertigkeit lernen und begreifen, dass Fernseher uns neue Fertigkeiten geben. Außerdem können wir baden und lernen dadurch, dass dies unsere Gesundheit wiederherstellt. Alles ohne expliziten Text. Grundsätzlich kommt das Spiel mit sehr wenig Exposition aus, oder vielmehr ich hab sie nicht verstanden. Wir bekommen einige Hinweise, z.B. dass nordöstlich von uns eine Stadt liegt und ähnliches, aber einen genauen Grund für unsere Reise habe ich niemals erfahren. Trotzdem bin ich losgezogen, denn ich wollte diese Welt kennenlernen. Ich wollte die kryptischen Botschaften seiner Bewohner verstehen und mich einfach in seiner abstrakten Hässlichkeit verlieren. Allemal besser als sich mit der tatsächlichen Hässlichkeit außerhalb des Spiels zu befassen.

Was ich schnell realisierte ist, dass hinter Hylics ein durchaus kompetentes JRPG steckt. Kämpfe finden nicht zufällig statt und es ist sogar möglich diese zu umgehen, was mir immer gefällt. Außerdem  hat es einen recht interessanten Progressionsansatz.

Game 2015-08-07 15-11-30-79

Statt normal aufzuleveln erhalten wir nach gewonnen Kämpfen Fleisch von unseren Gegnern. Mit diesem können wir wenig anfangen, es sei denn wir verlieren einen Kampf. Statt eines klassischen Game Overs, werden wir in Hylics ins Jenseits geschickt. Dort gibt es die Möglichkeit mit dem gewonnen Fleisch die eigene Gesundheit aufzustocken. Es gibt keine defensive Statistik in diesem Spiel, die durch Rüstungen aufgewertet werden könnte. Das einzige was unsere Überlebenschancen tatsächlich erhöht, sind mehr Lebenspunkte. Diese kann zwar durch bessere Rüstung erhöht werden, doch ist die Menge an Equipment in dem Spiel begrenzt und schnell ausgeschöpft. Dieses System verhindert, dass man anfängt zu grinden. Schließlich haben keinen direkten Vorteil davon für halbe Ewigkeit die gleichen Monster zu besiegen, müssen wir doch zunächst sterben um unseren Charakter aufzuwerten. Zudem ist die Anzahl der Gegner endlich, das heißt früher oder später müssen wir weiterziehen.

Die Kämpfe selbst sind nicht übermäßig schwer, doch bieten sie genügend Abwechslung um uns dazu zu bringen die gesamte Breite unserer Fähigkeiten einzusetzen. Es gibt keine Klassen in dem Spiel, stattdessen können alle Gruppenmitglieder alle Fähigkeiten lernen und wir selbst können sie, mithilfe einiger spezieller Gegenstände, in bestimmte Rollen formen. Insgesamt schafft es Hylics, sich auf die Stärken des JRPG-Genres zu konzentrieren nämlich Story und Atmosphäre. Gleichzeitig gelingt es ihm sehr gut, die Dinge zu vermeiden, die mir in aller Regel in diesen Spielen die Laune verderben, nämlich zufällige Kämpfe und die implizierte Not zu grinden.

Game 2015-08-07 14-44-08-80

Vieles in diesem Spiel erinnert irgendwie an Earthbound. Da wären zum einen die verglitchten Hintergründe während der Kämpfe, die absurden Gegner und ihre Fähigkeiten aber auch der Soundtrack selbst. Doch gleichzeitig frage ich mich, inwiefern ich mit diesem Vergleich nur deshalb aufkomme, weil mir sonst kein anderes Spiel einfällt. Was ich nur sagen kann ist, dass als ich dem Ende des Spiels näher kam und ich sah wie die Anzahl an Absonderlichkeiten nochmals weiter nach oben drehte, ich mir wünschte es würde mehr Spiele dieser Art geben. Handwerklich solide Spiele, die sich nicht davor scheuen eine Welt zu erschaffen die nur marginal der unsrigen gleicht. Spiele die einen Plot haben der unklar und offen für Interpretationen ist.

Die Realität selbst ergibt keinen Sinn. Oft verwechseln wir Sinn mit Vertrautheit. Ich kann nicht sagen, dass ich Hylics verstanden habe und ehrlich gesagt, ist mir dies auch egal. Es hat mir für zweieinhalb Stunden die Möglichkeit gegeben mal nicht in den tiefen Schlund meiner eigenen Verzweiflung zu blicken.

Ehrlich gesagt kann ich mir im Moment nichts schöneres vorstellen.

Hylics gibt’s hier zu kaufen (Preis: 3$):

http://mason-lindroth.itch.io/hylics