Gespielt: Flywrench

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Zum gefühlt hundertsten Mal zerschellt ein grün/weiß/roter Bindestrich an der Wand. Wieder eine Zehntelsekunde zu spät reagiert. Während ich mich mental justiere ist bereits der nachfolgende Balken ebenfalls ins Ende gestürzt. Derweil schmerzt meine Hand, ebenso wie meine Augen. Außerdem wird mir leicht übel. Trotzdem spiele ich weiter. Dieses Mal war mein Timing besser und ich passiere die erste Barriere. Ich versuche innezuhalten, meinen nächsten Schritt zu planen nur um wieder in der nächsten Wand zu landen. Die nächsten 20 Versuche enden wieder in der ersten Wand, während meine Muskeln verzweifelt versuchen herauszufinden, was genau sie bei dem einem Male anders gemacht haben als sonst. Flywrench gönnt mir keine Pause.

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In den Momenten in denen ich mir selbst eine Pause von Flywrench gönne um meine überanstrengten Augen zu erholen und meinen Magen zu beruhigen, stelle ich mir vor, was ich tun würde, wenn ich Messhoff, der mit bürgerlichen Namen Mike Essen heißt, persönlich treffen würde.

Ich denke ich müsste ihm ins Gesicht schlagen. Nicht weil ich wütend auf ihn wäre, doch denke ich das dies eine adäquate Reaktion auf einen Menschen ist, der ein solch sadistisches, erbarmungsloses Feuerwerk wie Flywrench erschaffen hat. Nach meinem vermutlich recht erbärmlichen Versuch der körperlichen Züchtigung würde ich ihn vermutlich umarmen müssen, weil er ein solch sadistisches, erbarmungsloses Meisterwerk wie Flywrench erschaffen hat.

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Doch was genau ist eigentlich Flywrench?

Flywrench ist ein minimalistische 2D-Actionspiel, welche Ästhetisch irgendwo zwischen Super Hexagons Minimalismus und dem schwankenden musikinduziertem Koma von Hotline Miami liegt. Wir steuern in diesem Spiel einen Balken, durch eine immer schwerer werdende abstrakte zweidimensionale Landschaft. Doch ist es nicht wirklich das Ausweichen von Hindernissen was unseren Weg erschwert, es ist das passieren von Barrieren. Unser Flywrench kann drei Zustände einnehmen, die alle mit einer bestimmten Farbe verbunden sind. Im weißen Zustand sind wir ein tatsächlicher Balken. In diesem Zustand sind wir am mobilsten, allerdings unterliegen wir auch am stärksten der Gravitation. Im roten Zustand zieht sich der Balken zu einem Keil zusammen und bewegt uns leicht aufwärts. Durch wiederholtes Wechseln zwischen weiß und rot sind wir in der Lage etwas unbeholfen in der Luft zu flattern und rote Barrieren passieren. Im gelben (bzw. grün, ich bin farbenblind und sehe das grün in diesem Spiel eher als gelb) wiederum wird unser Balken steif wie ein Brett und beginnt zu rotieren. Nicht nur das wir in diesem Zustand gelbe (grüne) Barrieren durchqueren können, es versetzt uns auch in die Lage an den Wänden der Levels abzuprallen und gibt uns die Möglichkeit mit uns selbst so etwas wie Billard zu spielen.

Über dieses recht simple Kontrolschema kommt dann noch eine Schicht aus zusätzlichen Hindernissen. Pinke Barrieren die nicht durchquert werden können, Gravitationsfelder, Geschütztürme, Barrieren die Mittels Schaltern deaktiviert werden müssen.

Das Spiel führt diese Elemente sehr langsam ein. Jedes Levelset, welches jeweils einem Planeten in unserem Sonnensystem zugeordnet ist, widmet sich einem Element. Zunächst wird dieses vorgestellt und jeder tiefer wir in das jeweilige Set vordringen desto mehr wird es mit Elementen der vorherigen Level verbunden und vermischt.

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Das Spiel selbst fühlt sich an, als hätte jemand die Grundidee der berüchtigten Veni, Vidi, Vici-Sequenz aus VVVVVV genommen und ein eigenes Spiel verfrachtet.

Flywrench ist ein Trainingsprogramm für die eigene Muskelerinnerung. Selten ist es möglich Level im ersten Versuch zu passieren. Oft benötigen wir dutzende Versuche um das erste Hindernis zu überwinden, nur um am nächsten zu scheitern und wieder von vorne anzufangen. Doch mit der Zeit gewöhnen sich unsere Hände an die ewig gleichen Abläufe und mit einem Male sind wir durch. Ein Level an dem wir zuvor Minuten lang verzweifelt haben, ist innerhalb von wenigen Sekunden vorbei und wir stehen vor der nächsten Wand.

Als ich damals im Dezember 2010 zum ersten Mal VVVVVV spielte und an diese berühmte Stelle kam von der Kieron Gillen damals sagte, jemand würde irgendwann Terry Cavanagh dafür ins Gesicht schlagen*, war ich wie hypnotisiert. Ich erinnere mich, wie ich das Spiel früh morgens bevor ich zur Uni ging anwarf, nur um kurz zu probieren, ob es vielleicht nicht dieses Mal schaffen würde. Als es mir dann schließlich eines Abends nach gefühlten 700 Versuchen gelang war ich außer mir vor Freude.

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Für mich hat es etwas Magisches an sich, wenn es Spielen gelingt, brutal schwer zu sein, ohne mich aber gleichzeitig zu frustrieren. Es wirkt so widersinnig. Warum Zeit mit etwas verbringen und sogar Vergnügen empfinden, wenn es doch eigentlich schmerzhaft sein soll?

Ich schätze was mir an Spielen dieser Art gefällt, ist die Vertrautheit die sich irgendwann einstellt. Der meditative Zustand der kommt, wenn man einfach das Unterbewusstsein all das machen lässt, an dem man Tage zuvor noch verzweifelt ist. Es zeigt mir, dass tatsächlich alles was schwer und unzugänglich wirkt mit der Zeit überwunden werden kann, wenn man denn die Geduld mitbringt.

Im Gegensatz zu vielen Spielen, die in den letzten Jahren erschienen, ist Flywrench jedoch keine Kopie von Spielen wie VVVVVV, oder Super Meat Boy. Es ist kein Versuch eines Nachahmers, der gesehen hat, dass ultaschwere Spiele oft zu Aufmerksamkeit und einem gewissen kommerziellen Erfolg führen, ohne dabei zu verstehen, was diese Spiele selbst so speziell gemacht hat.

Flywrench ist einzigartig. Ein Spiel was nicht versucht Vorgänger zu kopieren und exakt in ihre Spuren zu marschieren sondern abseits all dieser Dinge sein eigenes Dinge gebaut hat. Mit komplett einzigartigen Interaktionen und einem wunderschön spielerischen Umgang mit dem eigenen Design.

Flywrench ruft nach mir. Es strengt meine Augen an, mir wird nach 15 Minuten schlecht, meine Finger tun weh, wenn ich es spiele. Und doch, möchte ich mich immer wieder in diesen herrlichen elektronischen Rausch werfen.

Ich denke, ihr solltet dies auch tun.

*um auch alle Illusionen zu zerstören, dass ich so etwas wie eigene Ideen habe.